Bereitschaft Lohr

Eingetragen von Bahadir am 12.09.2016

So oder so ähnlich hört man derzeit oft, dass in Bayern alle Rettungswagen mit zusätzlicher Ausstattung besser für Einsätze bei Terroranschlägen ausgestattet werden. In den sozialen Medien liest man schon Kommentare wie „Werden jetzt Maschinengewehre auf den Fahrzeugen angebracht“… natürlich ist dem nicht so. Es geht eher um Ausrüstung die sich im militärischen Sanitätsdienst als sehr nützlich erwiesen hat. Im Militär haben es die Helfer oftmals mit ähnlichen Verletzungsmustern zu tun, die leider auch bei einem Terroranschlag bzw. in einer Amok-Lage vermehrt vorkommen.

Ausbildung unserer Helfer

Die traurigen Vorfälle in Würzburg und München in diesem Jahr, erinnern uns an die potentielle Gefahr einer solchen Lage. Man sollte aber jetzt keine Panik machen, denn diese Terroranschläge bzw. Amok-Lagen gibt es nicht erst seit diesen oben genannten Vorfällen.

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer solchen Lage gering ist, wollen wir unsere Helfer trotzdem optimal ausbilden, damit diese für solche Einsätze vorbereitet sind und so gut es geht und so vielen Verletzten wie möglich helfen können.

Neben der Ausbildung an dem folgend genannten Material, welches bald in jedem Bayern RTW zu finden sein könnte, schulen wir unsere Einsatzkräfte auch mit Algorithmen zum Eigenschutz.

Spezialausbildung für den Sanitätswachdienst

Wie verhält man sich als Sanitäter, wenn auf dem Sanitätsdienst gerade eine dynamische Lage entsteht? Dies war Ausbildungsinhalt am vergangenem Dienstag. Einer unserer Lehrrettungsassistenten erabreitet gerade mit zwei Studienkollegen im Rahmen ihrer Studienarbeit Verhaltensmuster für Sanitäter bei Terroranschlägen auf einem Sanitätswachdienst, angelehnt an dem militärischen Verhaltensmuster TCCC (https://de.wikipedia.org/wiki/Tactical_Combat_Casualty_Care) und auf den zivilen Sanitätsdienst konvertiert. Neben der taktischen Fortbildung, trainierten 27 Mitglieder den schnellen Umgang mit dem Tourniquet und das Evakuieren aus der Gefahrenzone.

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Equipment das man wohl zukünftig in bayerischen Rettungswagen finden wird

Quelle: https://www.agbn.de/wir-trainieren-sie-fuer-rebel/

Tourniquet

tourniquet

Tourniquet zur Blutstillung bei starken Verletzungen

Beim Tourniquet handelt es sich um ein spezielles Abbindesystem, mit dem viele lebensbedrohliche Blutungen an Armen und Beinen in wenigen Sekunden gestoppt werden können. Hierzu wird das Stoffband mit einem Klettverschluss um die betreffende Extremität gelegt und danach das Band durch Drehen eines Knebels verkürzt. Durch den entstehenden Druck werden die Blutgefäße komprimiert, wodurch kein Blut mehr in den Arm oder das Bein fließt und der Blutverlust vorerst gestoppt ist. Das Tourniquet eignet sich sowohl zur Selbstanwendung, als auch zur Anwendung an Patienten durch das Rettungsdienstpersonal.

QuikClot/Celox

Dies sind sogenannte Hämostatika, die als Granulat oder vorbereitet als fertige Verbandstoffe direkt in eine lebensgefährlich stark blutende Wunde eingebracht werden. Diese bewirken (je nach Produkt auf unterschiedliche Weise) ein Zusammenlagern der Blutbestandteile in der Wunde zu einer Gel-artigen Konsistenz. Hierdurch wird die Blutgerinnung gefördert und beschleunigt. Diese Produkte kommen insbesondere am Körperstamm zum Einsatz, wo das Anlegen eines Tourniquets unmöglich wäre.

HES-Lösung

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Infusionslösung Volulyte 6%

Eine HES-(Hydroxyethylstärke) Infusionslösung ist ein sogenanntes Plasmaersatzmittel, mit dem ein großer Blutverlust effektiver ausgeglichen werden kann, als mit den üblichen Infusionslösungen. Die HES-Lösungen waren bereits vor einigen Jahren fester Bestandteil der Rettungswagenausstattung, sind jedoch zwischenzeitlich aufgrund der Gefahr von Nierenschäden in Kritik geraten. Aufgrund ihrer ausgesprochenen Effektivität wird nun, auch aufgrund von aktuellen Studienergebnissen, wieder HES-Lösung mitgeführt werden, jedoch auf die Gabe bei lebensbedrohlichen Blutungen beschränkt.

Bei der enthaltenen Hydroxyethylstärke handelt es sich um verhältnismäßig sehr große Moleküle, die die Blutbahn nicht ohne weiteres kurzfristig verlassen können. Aufgrund osmotischer Effekte „zieht“ HES zusätzliches Wasser aus den Zellzwischenräumen in die Blutgefäße und steigert das Blutvolumen so zum Teil noch über das gegebene Volumen hinaus (Je nach Produkt 100-150%). Im Vergleich dazu bleibt von einer verabreichten isotonen Kochsalzlösung (NaCl 0,9%) nur ca. 1/3 in den Blutgefäßen, die restlichen 2/3 verteilen sich im Zellzwischenraum.

Entlastungskanüle

Bei einem Spannungspneumothorax wird mit einer Entlastungskanüle von außen in den Pleuraspalt gestochen, damit der Überdruck entweichen kann.

Chest Seal

Um die Bildung eines Spannungspneumothorax zu verhindern, kann frühzeitig ein Chest Seal – ein Spezialpflaster mit einem Ventil – auf die Wunde geklebt werden. Das spezielle Ventil ermöglicht, dass Luft aus dem Pleuraspalt herausströmen kann, verhindert aber auch zeitgleich dass Luft hinein gelangt.

Stichwort (Spannungs-)Pneumothorax

Die Lunge ist an der Brustwand über die sogenannte Pleura befestigt. Dies ist ein schmaler Hohlraum zwischen Lunge und Brustwand der mit ein wenig Flüssigkeit (ca 15 ml) gefüllt ist. Hierdurch folgt die Lunge dem Brustkorb (=Thorax) bei seinen Bewegungen. Das Prinzip lässt sich gut anhand zweier Glasplatten veranschaulichen, zwischen die ein wenig Wasser gegeben wird. Durch die Flüssigkeit entsteht eine Adhäsionskraft, die beide Glasscheiben (oder die Lunge und den Brustkorb) fest, aber gut verschiebbar aneinander befestigt. Dringt nun durch eine Verletzung Luft in den Pleuraspalt, kann sich die Lunge auf der betreffenden Seite von der Brustwand lösen und fällt in sich zusammen. In diesem Fall ist natürlich die Atmung stark eingeschränkt.

Sollte nun durch einen unglücklichen Zufall die Wunde eine Art Ventil bilden, durch den bei jedem Atemzug Luft von außen in den Pleuraspalt gelangt, aber nicht mehr hinaus kann, entwickelt sich ein Spannungspneumothorax, der durch den immer weiter steigenden Druck auch die andere Lungenhälfte sowie das Herz  komprimiert. Hierbei handelt es sich um eine akut lebensbedrohliche Situation.

Beckenschlinge

Beckenschlinge

Beckenschlinge

Die Beckenschlinge ist ein Spezialgerät, um einen instabilen Beckenbruch recht einfach provisorisch zu stabilisieren. Bei einem Beckenbruch können signifikante Mengen Blut verloren gehen (bis zu 4L, ein Erwachsener Mann hat ein Blutvolumen von ca. 5-6L). Durch die leichte Kompression des Beckens kann der Blutverlust eingedämmt werden. Die Beckenschlinge befindet sich bereits seit einiger Zeit auf allen Rettungswagen im Rettungsdienstbereich Würzburg.